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Meine Mutter stammt aus Anatolien – ein Interview mit Elio Gervasi

Picture of Elio Gervasi and Ali Can Guezel

Der Choreograph Elio Gervasi studierte klassisches Ballett in Rom und erhielt Ausbildung in modernem und zeitgenössischem Tanz. Er nahm an zahlreichen internationalen Tanzfestivals teil und wurde für seine choreographischen Werke mehrmals ausgezeichnet. 2003 gewann er den Österreichischen Tanzproduktionspreis. Die Tanz Company Gervasi gründete er 1987 in Wien.

In dem gemeinsamen Projekt mit dem Komponisten Fazil Say setzt er ein Signal, dass Tanz aus und mit der Musik entstehen kann. Durch die Auseinandersetzung mit Mozart werden musikalische und visuelle Dimensionen kombiniert und die Frage nach Körperlichkeit in der Musik aufgegriffen. Gervasi entwickelt gemeinsam mit den TänzerInnen Räume, Bilder und Strukturen, die durch die Musik entstehen und auf sie abgestimmt sind.

 

Hatten Sie vorher mit einem Künstler aus der Türkei gearbeitet?

-Ich hatte mit Komponisten anderer Musikrichtungen zusammen gearbeitet, aber nicht mit einem Klavierspieler wie Fazil Say. Dies ist meine erste auf eine Komposition basierende Choreographie.

 

Wie ist diese Idee entstanden?

-Zunächst fragte man mich, ob ich Interesse an der Mitarbeit bei einem Projekt mit Fazil Say hätte. Mir wurde erklärt, dass es sich um einen besonders kompetenten klassischen Musiker aus der Türkei handelt. Danach wurde ich zu seinem Konzert in München eingeladen.

 

Haben Sie ihn vorher gekannt?

-Ich kannte den Namen und hatte auch seine CDs gehört. Beim Besuch seines Konzertes in München erkannte ich dann, welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit es gab.

 

Sind Sie mit den ersten zwei Vorstellungen zufrieden?

-Ja klar.

 

Man hat gemerkt, dass die Zusammenarbeit mit einer Tanzgruppe für Fazil Say etwas Neues war.

-Ja, ich glaube, dass es für ihn etwas Neues war. Normalerweise geht er seinen Weg allein. Er reist allein an, geht allein in sein Hotelzimmer und kommt dann erst zur Probe mit dem Orchester zusammen. Dieses Projekt ist eine andere Geschichte. Wir sind ein Kollektivum aus Tänzern, Lichttechnikern und Kostümberatern. Unsere Arbeit basiert auf Kommunikation. Wir diskutieren, wir reden, wir lachen. Es funktioniert nur wenn die Leute kommunizieren, schimpfen, kämpfen und auch aufeinander böse sind. Erst durch diese Auseinandersetzung ergibt sich der beste Weg zur Verwirklichung der Kunst. Tänzer, Musiker und Lichttechniker haben jedes Mal unterschiedliche Meinungen. Doch diese Probleme sind kein Drama, sondern die Voraussetzung für eine konstruktive Arbeit.

 

Was wissen Sie über die Türkei? Waren Sie schon einmal in der Türkei?

-Ich war schon in der Türkei. Meine Mutter stammt aus Anatolien. Sie ist dunkelhaarig und hat wie ich eine sehr markante Nase. Ich war schon in Antalya und in der umliegenden Region. In meinen Augen ist es eine Bildlandschaft, natürlich und farbig. Andererseits gibt es politische Probleme…

 

Wenn Sie die Türkei oder türkische Künstler nicht gekannt hätten, würden Sie dieses Projekt trotzdem realisieren?

-Klar. Dieses Projekt sollte entwickelt werden. Es ist besonders wichtig in dieser Zeit. Jede Kunstform, ob Literatur, Tanz oder Theater, sollte gegenüber der Türkei aufgeschlossen sein. Es ist immer ein Schock, in eine andere Welt einzutauchen. Die Kunst ist das wichtigste Medium, das den Menschen Informationen vermitteln kann. Visuell, literarisch oder in anderer Weise. Kunst ist etwas, was den Menschen immer gefällt, und sie ist sowohl neutral als auch politisch. Sie kann konservativ, modern oder alternativ sein, das hängt vom jeweiligen Künstler ab.

 

Wir haben uns vor ein paar Wochen hier, im Tanzquartier, bei der Aufführung von Willi Dorners Stück kennen gelernt. Sie befürchteten, dass das türkische Publikum dieses Konzert nicht besuchen würde.

-Es ist nebensächlich, woher das Publikum stammt. Der Auftritt in diesem Theater ist eine wichtige Angelegenheit. In der Türkei selbst hat niemand so etwas gesehen, z.B. Frauen, die sich auf den Boden werfen. Die Reaktion ist natürlich „Was ist das?“ Doch wenn die Menschen fragen, kann man diskutieren und es ihnen erklären. Aber es ist immer eine Konfrontation, ohne die die Menschheit allerdings nicht leben kann.

 

Beschreiben Sie kurz die Zusammenarbeit mit Fazil Say im Mozart-Jubiläumsjahr.

-Mozart ist ein genialer Musiker. Ich bin ein kommunikativer Choreograph, der mit Fazil Say arbeitet. Er ist ein Phänomen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

 

Können Sie etwas zum türkischen Publikum und zu den türkischen Medien sagen?

-Wir wollen unser Projekt in der Türkei präsentieren und im Land selbst neue Erfahrungen sammeln…

 

Gerade laufen ja auch die Verhandlungen zum EU-Beitritt der Türkei.

-Ja, und wir sind sehr daran interessiert in diesem sonnigen Land aufzutreten. Wir sind dazu bereit sobald es uns ermöglicht wird.

 

Gibt es in Ihren Augen Unterschiede zwischen der Türkei und Italien?

-Nein, ich sehe keinen Unterschied zwischen diesen beiden oder anderen Ländern. Die Welt ist eine kleine Kugel. Die Menschen sind überall gleich.

 

Ich danke fürs Gespräch.

Interview : Ali Can Güzel


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